Aus der Geschichte der Reitkunst


 
1. Vom Altertum bis zur Wiedergeburt der Reitkunst im 16. Jahrhundert
 
Den Grundstein der europäischen Reitwissenschaft hat der Grieche Xenophon (4. Jh. v. Chr.) gelegt. Die Lehren seiner Werke »Über die Reitkunst« und »Der Reiteroberst« haben bis heute ihre praktische Bedeutung behalten und übertreffen bei weitem die von Xenophons Vorgängern Kikkuli (14. Jh.) und Simon (4. Jh.) verfassten, nur teilweise erhaltenen Abhandlungen.
  
Xenophon kennt den bügellosen geschmeidigen und unabhängigen Sitz, fast so wie er auch heute verlangt wird, lehrt teilweise die Gänge der Hohen Schule, die bei festlichen Aufzügen der athenischen Jugend der Erscheinung des Reiters stolzen Glanz verleihen und vergisst nicht ausführlich auf das Geländereiten hinzuweisen, dass die Paradepferde auch für die Jagd und den Kriegsdienst geeignet macht.
 
Das Eingehen Xenophons auf das Seelenleben des Pferdes — er ist der erste Tierpsychologe — ist ein Hauptmerkmal seiner Lehre.
 
Dieses feine Anempfindungsvermögen, das die klassische Reitkunst der Griechen auszeichnet, fehlt den Römern. Sie übernehmen von jenen zwar die äußere Form, aber diese bloße Nachahmung ohne schöpferischen Inhalt versandet in Voltigen und Rennen, die der Schaulust der Massen im Circus Maximus schmeicheln.
 
Auch die Reiterei des Mittelalters ist völlig kunstlos. Die leichteren Pferde finden nur als Transportmittel auf Reisen, als Tragtiere und im besten Fall bei der Falkenbeize Verwendung; die schweren armorikanischen Hengste bei Turnier und blutigem Kampf. Eingezwängt in seinen hochlehnigen Sattel, der das Vom-Pferd-gestochen-Werden verhindern soll, legt der Ritter auf seinem Streitroß nur Wert auf ein möglichst wuchtiges Geradeaus, um dem Stoß seiner Lanze Nachdruck zu verleihen-
  
2. Von der Renaissance bis Guåriniere
 
— Ende des 15. bis Anfang des 18. Jahrhunderts —-
 
Verdienst und Grenzen
 
Eine von italienischen Meistern wie Griso, Carraeciolo und Pignatelli und ihren Akademien ausgehende, auf aus den Stürmen der Völkerwanderung geretteten xenophontischen Schriften beruhende Lehre breitet sich im 16. Und 17. Jahrhundert über Frankreich, Deutschland, Spanien und England auf die ganze damalige Kulturwelt aus. Sie wird von den Renaissancemenschen als zeitgemäße, auch praktische Ziele verfolgende Erneuerung empfunden. Das umso mehr, als die kürzlich erfundenen Feuerwaffen die unlenksamen schweren Gewichtsträger endgültig vom Schlachtfeld verbannt haben und der wendige Andalusier an Stelle des schweren, plumpen Streithengstes sowohl im Einzelkampf als auch bei höfischen Reiterfesten unentbehrlich geworden ist.
 
Einer der Vorkämpfer dieser Reitrenaissance ist der vorgenannte Federico Griso, der schon um 1532 in Neapel eine Reitakademie gründet, die von jungen Edlen aus dem christlichen Abendland besucht wird.
 
Ein unbestreitbares Verdienst Grisos, der als »Vater der Reitkunst« in die Geschichte der klassischen Dressur eingeht, besteht darin, dass er sich an Xenophons Idealbild von Haltung des Pferdes Und Sitz des Reiters ein Beispiel nimmt (soweit es die damalige Form der Sättel zulässt). Den Griechen verbessernd, stellt er die Trabarbeit heraus, die Xenophon als Mittel zur Gymnastizierung unbekannt ist und ihm bloß mit einigen Zwischentritten zum Übergang in den Galopp dient. Auch die Feststellung des Halses vor dem Widerrist ist eine berechtigte Forderung des Grisoschen Lehrgebäudes
 
Um die Wende zum 17. Jahrhundert verlagert sich der Schwerpunkt der italienischen Schule nach dem Westen, nach Frankreich.
 
Künder der neuen Lehre werden Salomon de la Broue, der Hofstallmeister Henri IV. (1553— 1610) und Antoine de Pluvinel, Studienleiter und Reitlehrer des nachmaligen Ludwig XIII (1601—1643). Beide aus der Ritterakademie Neapels hervorgegangen und dank ihrer Stellung als Reformatoren der französischen Reitkunst in hohem Ansehen.
 
Eine zusammenfassende Charakteristik der von den italienischen Meistern übernommen und nun vor allem in Frankreich weitergepflegten Schule ergibt folgendes Bild:
 
Übermäßiger Gebrauch oder besser Missbrauch von Hilfsmitteln, die wir heute ablehnen. Da werden zum Beispiel die Pferde mit zweihundert Arten raffiniert ausgeklügelter, oft grausam wirkender Gebisse beglückt, und die gaule armee — ein an seinem unteren Ende mit einem scharfen Sporn verstärkter (armierter) langer Stock — ersetzt beim Seitwärts-treiben den Reiterschenkel, da Sattelbau und Sitte ein im Knie steif vorgestrecktes Bein (Stehsitz) verlangen sowie zu Ritterzeiten, als die Beinpanzerung das Beugen der Gelenke verhinderte.
 
Plunivel wird die Erfindung der Pilaren zugeschrieben. Ob die Pfeiler dem Pferdegeschlecht Segen gebracht haben, darüber kann man allerdings geteilter Meinung sein. Gottlob haben sie u.W. nur mehr in von wirklichen Fachleuten betreuten Anstalten ihre Heimstätte gefunden, wie z.B. in der Wiener Spanischen Reitschule, wo sie wertvolle Dienste leisten können.
 
In England lehnt sie der Herzog von Newcastle, von dem gleich des näheren die Rede sein soll, mit der Begründung ab, dass “viele Pferde durch ungeschickte Arbeit zwischen den Pfeilern zugrunde gerichtet werden“, worin man ihm nur beipflichten kann. Trotzdem macht er sich, wenigstens teilweise, die Ideen Pluvinels zunutze, indem er das junge Pferd um einen Pilar als Fixpunkt, auf dem Zirkel arbeiten lässt.
 
Gustav Steinbrecht (†- 1885), der größte der sogenannten Neueren Meister des 19. Jahrhunderts, dessen Verdienste um die deutsche Reitkunst an gegebener Stelle gewürdigt werden sollen, zieht das Lebenswerk ,,Horsemanship in all its branches« des 1664 zur Herzogswürde erhobenen Newcastle († 1675) allen anderen Reitlehren des 17. und 18. Jahrhunderts vor.
Im Großen und Ganzen betrachtet, muss man den Herzog zugestehen, dass er vielfach schöpferische Pionierarbeit geleistet hat. Seine Übung ,,Kopf in die Volte« ist bereits eine Vorstufe zum Guerinierschen Schulterherein und seine grundlegende Erkenntnis, dass echte Versammlung ohne eng aneinander vorbeitretende Hinterbeine (und die dadurch bedingte mehr oder weniger ausgesprochene reine Längsbiegung) unmöglich ist, hat bis heute volle Geltung.
 
Die enormen Vorteile, die der richtig gerittene Außengalopp dem Ausbilder zuspielt, weil er die Geraderichtung und den sprungartigen, lebhaften »Triller« der Hinterbeine in Richtung Schwerpunkt sichert (Steinbrecht) sind Newcastle allerdings noch unbekannt. Auch die feineren und genaueren Einwirkungsmöglichkeiten unseres heutigen Balancesitzes mit feiner elastisch gebeugten Knielage und dem »mitatmend« haarfühlenden Schenkel auf Pferdenahem Sattel werden erst der Deutsche Pinter von der Aue (um 1664) und dann fast siebzig Jahre später, der Franzose de la Gueriniere herausstellen.
 
Francois Robichon de la Gueriniere gebührt als »Galionsfigur am Bug reiterlichen Fortschrittes« ein Ehrenplatz in der Geschichte unserer Kunst. Er lässt als Leiter des bourbonischen Marstalls in den Tuilerien, dem er von 1730 bis zu seinem 1751 erfolgten Tode vorsteht, die erste Ausgabe seiner klassischen ,,Ecole de cavalerie « im Jahre 1733 erscheinen.
 
Die schöpferischen Erkenntnisse dieses, eine reiterliche Epoche krönenden Werkes, dessen letzte, den gegenwärtigen Verhältnissen am besten Rechnung tragende deutsche Übersetzung wir Oberst von Haugk verdanken (1943), bilden noch heute die Grundlage des Systems, das für den Ausbildungsgang der weltberühmten Wiener Spanischen Schule richtungsgebend ist.
 
Im Unterschied zu seinen Zeitgenossen und völlig auf dem Boden unserer Auffassung steht Gueriniere mit seinem, wenn auch nur theoretisch nachgelebten Grundsatz, dass »die Ausbildung eines Soldaten- oder Jagdpferdes (also die Grundausbildung unseres Gebrauchspferdes, Verf.) durchaus mit der eines Pferdes der Hohen Schule vereinbar« sei.
 
Dank dem leichten, von Gueriniere eingeführten französischen Schulsattel tritt nunmehr auch der Balancesitz auf Gesäßknochen und Spalt offiziell in seine Rechte. Er entspricht unserem Normalsitz, bei dem die Unterschenkel vom nicht mehr gesteiften Knie aus, weich am Pferde herabhängen, und aus leichter Fühlung zu jeder Hilfe bereit sind (obwohl es noch ein halbes Jahrhundert dauern soll, bis dieser natürliche Sitz Allgemeingut der Reiterwelt wird).
 
Zusammenfassend sei über diesen anerkannt größten schöpferischen Meister des  18. Jahrhunderts, der es nie vergaß, seines Lehrers de Vendeuil in Dankbarkeit zu gedenken, gesagt, dass er derjenige war, der als erster eine folgerichtig zusammenhängende Reitlehre schuf. Sie gilt ihrem Wesen nach noch heute und gibt unserer Dressurarbeit ihre Grundlage. Die Einwände, die wir gegen einzelne zeitbedingte Auffassungen Guerinieres erheben könnten, wiegen federleicht angesichts der Fülle seiner zeitlosen Lehren.
 
In Deutschland tritt erst hundert Jahre nach Pinter von der Aue der Hannoveraner Prizelius (1766) für den Balancesitz ein. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts ist es dann noch der Freiherr von Sind (1775) der sich in Wort und Schrift auf den Boden Guerinierscher Erkenntnisse stellt.


3. Campagnereiten
 
— Sehdlitz —
 
Niedergang der Kunst zur Zeit der Revolution und der napoleonischen Kriege in Frankreich
 
— Hünersdorf —
 
Im Gegensatz zu Gueriniere, der die Hohe Schule mehr oder minder nur als Selbstzweck pflegt und die praktische Gelände- und Soldatenreiterei zu wenig fördert, bahnt sich in Preußen um die Mitte des 18. Jahrhunderts eine Entwicklung an, die auf dem Kontinent zu einer Bereicherung der Kunst — dem Campagnereiten — führt.
 
Allerdings geht diese gesunde Entwicklung nur »ratenweise« vor sich und wird in Deutschland (Rosenberg) und Frankreich (d’Aure) erst gute hundert Jahre später Allgemeingut der Reiterwelt.
 
Was ist nun ein Campagnepferd? Es ist das, was wir heute ein Geländeleistungspferd nennen. Ein Pferd, das es dank seiner durchlässig machenden Dressur und geländefreundlichen Erziehung dem Reiter ermöglicht, sein Ziel querbeet und über Holz und Wasser auf kürzestem Weg schnell, sicher und kräftesparend zu erreichen.
 
Genau solcher Pferde bedarf die von Friedrich II. befohlene und von seinen Generalen, vor allem dem genialen Reiterführer Friedrich Wilhelm von Sehdlitz (1721—1773), in die Tat umgesetzte Verwendung der damals schlachtenentscheidenden Kavallerie. Binnen weniger Jahre gelingt es diesem, die Regimenter des Großen Königs zu vollkommenen Werkzeugen der neuen Taktik zu formen.
 
Drei Eigenschaften galt es da bei den Pferden zu entwickeln und zu üben:
 
-Schnelligkeit bei der Attacke, die nunmehr im vollen Laufe, der Karriere, geritten wurde, -wendigen Gehorsam, um beim geschlossenen Exerzieren in der Hand des Reiters zu bleiben und um sich beim Einzelkampf nach des Königs Worten »auf einem Platz von Tellers Breite« tummeln zu lassen und schließlich -Geländesicherheit, damit im Bedarfsfall Zaun und Graben ohne Zögern überwunden werden können.
 
Diese drei ausschlaggebenden Merkmale kennzeichnen die Campagnereiterei, die sich nun gleichlaufend mit dem Schulreiten und auf dessen Grundsätzen fußend, entwickeln wird.
 
Die französische Revolution lässt die schulmäßige Reiterei in Frankreich fast völlig erliegen. Diesseits des Rheins steht es besser um die Kunst. Auch die Freiheitskriege haben ihr nicht solche Wunden geschlagen wie dem ausgebluteten Frankreich. Die Wiener Spanische Hofreitschule hört nicht auf, von kurzen kriegsbedingten Unterbrechungen abgesehen, der Hort klassischer Kunst und die Pflanzstätte künftiger Wegbereiter (Seeger) zu sein; und in Deutschland sind es Hünersdorf und seine Anhänger, die die Brücke zu den Neueren Meistern des 19. Jahrhunderts schlagen.
 
Ludwig Hünersdorf (1748—1813) ist der erste deutsche Klassiker im wahren Sinn des Wortes, denn er versteht es, der Kunst schöpferisch neue Wege und gegenwartsnahe Ziele zu weisen .
An das Gedankengut eines Sehdlitz anknüpfend, bildet er vor allem Champagnepferde aus, also Pferde, die nach etwa zweijähriger Grundausbildung in der Lage sind, Eignungsprüfungen in unserem heutigen Sinn zu bestreiten. So wird Hünersdorf zum Schrittmacher für die Neueren Meister des 19. Jahrhunderts.
 
General M. von Redwitz, einer der besten Kenner der Reitliteratur und maßgeblicher Mitarbeiter an der heute noch in ihren Wesenszügen vollgültigen Reitvorschrift von 1912, sagt über Hünersdorf »Was die alten Meister der Reitkunstempfunden, gedacht und erfühlt haben, hat Hünersdorf erstmalig ausgesprochen. Sein Buch ist das erste klassische Werk über die deutsche Reitkunst.«
 
 
4. Die neueren Meister bis Steinbrecht († 1885) — l’Hotte († 1904)
 
»Um die Ausbildung von Pferd und Reiter nach einheitlichen Grundsätzen zu fördern« wird 1817 in Berlin eine Lehreskadron ins Leben gerufen und 1849 als Militär-Reitschule nach Schwedt a. d. Oder verlegt, um sich dann ab 1867 als Militär-Reitinstitut in Hannover aus breiter Grundlage zu entfalten und entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Reitkunst zu nehmen.
 
Als Zivilstallmeister der Lehreskadron und der Militär-Reitschule bildet E. F. Seidler (1798—1865) in Berlin und Schwedt viele schwierige Pferde aus. Da ihm zu gründlicher Arbeit die Zeit fehlt, greift er vielfach zu einem »faulen Knecht«, zu einer Eselsbrücke in Gestalt von Hilfszügeln
 
Als Frucht seiner Erfahrungen lässt er 1837 den »Leitfaden zur gymnastischen Bearbeitung (!) des Campagne- und Gebrauchspferdes« und 1848 »Die Dressur diffiziler Pferde« erscheinen.
 
Gut ist Seidlers Grundsatz, dass zuerst das zwanglose Vorwärts erreicht werden muss, aus dem sich dann die beiderseitige gleichmäßige Anlehnung und schließlich die Aufrichtung ergeben soll.
 
Der Berliner Stallmeister Louis Seeger (†· 1865), hat als Sohn eines preußischen Hofbereiters die Liebe zum Pferd im Blut. Er wird in der Spanischen Reitschule der Lieblingsschüler des berühmten Max von Wehrother. Später als Besitzer der ersten Privatreitbahn Berlins, des Seegers-Hofs, verfasste er sein Lebenswerk, das dem damaligen Prinzen Wilhelm von Preußen gewidmete ,,System der Reitkunst« (1844).
 
Seeger ist ein gottbegnadeter Ausbilder und sein Ausspruch ,,Deutschlands Reitern rufe ich zu: Vergesst nie, dass die Fortbewegung (das »Vorwärtsreiten«,Verf.) die Seele der Reitkunst ist und der Impuls dazu von der Hinterhand ausgeht« hat Ewigkeitswert.
 
Obwohl die »Neueste Theorie der Reitkunst nach vernünftigen Grundsätzen des gefundenen Menschenverstandes« des k. k. Oberleutnants bayerischer Abkunft, Carl Kegel, das Mitgehen im Sprunge durch Vorgehen von Mittelpositur und Oberkörper bei nachgehenden Armen eindeutig und logisch mit der Entlastung des Rückens begründet und lehrt, nimmt Seeger von diesem zwei Jahre vor seinem »System« erschienenen Buch keine Kenntnis (ebenso wenig wie der von Cpt. Giubbilei als »Vorläufer der italienischen Methode« bezeichnete Graf Szechenhi († um 1894) oder gar der geniale Major Gaprilli († 1907), der als der offizielle Erfinder dieser Methode mit Ruhm, Ruf Und Nimbus in die Geschichte der Reiterei eingeht.
 
Mag nun dieses Ignorieren der Springlehre Kegels von Seiten Seegers beabsichtigt sein oder nicht — es tut seinem klassischen Werk in seiner Gesamtheit keinen Eintrag.
 
Gustav Steinbrecht (1808—1885), ein Pfarrerssohn aus dem Magdeburgischen und Student an der Berliner Tierarzneischule, nimmt Reitstunden bei Seeger. Dieser erkennt das Talent des Schülers und veranlasst ihn, umzusatteln und den Beruf eines Stallmeisters zu ergreifen.
 
Ende der fünfziger Jahre verfasst Steinbrecht die Aufzeichnungen, die der ersten Hälfte des von Paul Plinzer im Todesjahr Steinbrechts herausgegebenen und ergänzten ,,Gymnasium des Pferdes« zugrunde liegen. Mag man in Einzelheiten auch manchen Auffassungen des Meisters nicht beipflichten können, müssen wir ihm für die uns in diesem Standardwerk des 19. Jahrhunderts vermittelten wesentlichen Erkenntnisse aufrichtig dankbar sein.
 
Die Verfasser der bewährten deutschen Reitvorschrift GDV 12) und die Bearbeiter ihrer späteren Fassungen von 1926 und 1937 die Redwitz, Heydebreck, Lauffer, Bürkner u. a., stehen völlig auf dem Boden der Steinbrechtschen Devise ,,Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade« womit dieser sein Werk einleitet und sie findet ihr Echo »Calme, en avant, droit« in den ,,Reiterfragen« des französischen Generals l´Hotte (1906).
 
Darum können wir Steinbrecht mit Recht den Wegbereiter der heutigen deutschen Dressurauffassung nennen.
 
Zunächst das Ziel seiner Arbeit. Er umreißt es selbst mit den Worten: »Der Bereiter hat seine Ausgabe erfüllt, und sein Pferd vollkommen ausgebildet, wenn er die beiden in der Hinterhand ruhenden Kräfte, die Schieb- und die Tragkraft, letztere in Verbindung mit der Federkraft, zur höchsten Entfaltung gebracht hat und in ihren Wirkungen wie in ihrem Verhältnis zueinander beliebig und genau abzuwägen vermag.«
 
Die Mittel, dieses Ziel zu erreichen: Der reine schwungvolle Gang des losgelassen mit beiderseitig gleichmäßiger Anlehnung und in der jeweilig verlangten Selbsthaltung geradegerichtet durchs Genick tretenden Pferdes.
 
General l’Hotte, zuerst Chefreitlehrer und dann bis 1879 Kommandeur des weltberühmten französischen Ausbildungszentrums Saumur, ist persönlich ein brillanter Schulreiter, ein Repräsentant der bei aller Nonchalance stets korrekt bleibenden Eleganz der Saumurer écuhers. Er weiß als echter Psychologe in sein Pferd hineinzuhorchen Und es mit fein abgestimmten Hilfe in diejenige günstige Stellung zu «placieren«, aus welcher es dann aus sich selbst heraus sein Höchstmaß an schwungvoller Durchlässigkeit, die ,,legerete«, anbietet und entfaltet.
 
Dabei trennt aber dieser Meister seine Kunst streng von Forderungen, die der praktische Kavalleriedienst stellt —- so die damals als Neuerung (!) empfundene Einführung des Leichttrabens — und verliert in seinen leitenden Stellungen nie das Endziel der Ausbildung des Gebrauchspferdes aus dem Auge, den Reiter in jeder Gangart sicher und kräftesparend im Gelände zu tragen.
 
Als Schlusspunkt dieses, die Epoche des 19. Jahrhunderts in großen Zügen umfassenden Kapitels: Die Reiterwelt ist nunmehr reif geworden, um neben einer vom «Vorwärts« getragenen Schulreiterei in ein paralleles Thema, das den Naturgegebenheiten Rechnung tragende Gelände- und Springreiten eines Gaprilli — seine Vorläufer Regel und Szåchenhi nicht zu Vergessen — mit vollen Akkorden einzustimmen.
  
 
5. Die Entwicklung der Reitkunst von der Wende zum 20. Jahrhundert bis zum heutigen Tag
 
—- Niedergang und Wiederaufbau, das Schicksal der Kunst —
 
Zweimal im Verlauf vieler Jahrhunderte empfängt die Reitkunst von Italien entscheidende Impulse Zuerst durch den schon besprochenen Renaissancemeister Griso und dann durch den italienischen Major Federico Caprilli (1868——1907)«. Allerdings bewegen sich diese Anregungen in recht gegensätzlichen Richtungen. Caprillis Methode, die darin gipfelt, das in natürlicher, freier Haltung galoppierende Pferd vor, während und nach dem Sprung durch keinerlei den Gesetzen des Bewegungsablaufes widersprechende und behindernde Einwirkung zu stören, wird in einer unserer bewährten Dressurauffassungen glücklich angepassten Form zur Grundlage unserer internationalen Springerfolge. Genannt seien hier nur die mehrfachen Siege in der Goppa Mussolini und die Goldmedaillen im Nationenpreis und der Military bei der Berliner Olympiade 1936.
 
Ergänzend sei noch darauf hingewiesen, dass die Hindernisrennen vor allem in Deutschland, seitdem u.a. der nachmalige General von Rosenberg (1833—1900) als junger Militscher Ulanenleutnant das Beispiel gegeben hat, auch als so genannter ,,kleiner« Herrensport hauptsächlich von Reiteroffizieren gepflegt werden und bis 1914 in Blüte stehen. (Rennmäßiges Training und Wartung von Vollblutpferden und edlen Halbblütern werden zu einem unerschöpflichen Born von Erfahrungen, die jedem jungen Reiter für seine ganze Zukunft von unschätzbarem Wert sind). Große Siege in Karlshorst, Baden-Baden und anderwärts werden von Champions erritten, die im »kleinen« Herrensport ihre Laufbahn begonnen haben. Namen wie von Heyden-Linden, Suermondt, von Tepper, von Kramsta, von Schmidt-Pauli, von Egan, von Raven, von Goßler, Graf Holck, Braune u.v.a. sind in aller Munde und ihre Träger Lieblinge der Tribünen und Stehplätze
 
Die Herrenreiten sind vielfach Vorläufer und Ersatz für den um die Jahrhundertwende noch in seinen Anfängen steckenden Turniersport.
 
Der Schulstall, der bis 1939 in Hannover bestehenden Kavallerieschule erreicht als Bestandteil der nunmehrigen Krampnitzer Heeres-Reit- und Fahrschule unter ihrem Kommandeur Oberst Felix Bürkner in den Jahren 1939 bis 1943 seinen Höhepunkt
 
Der unvergessene Kavallerieinspektor, General Weingart († 1945), schützt unsere besten noch vorhandenen Dressurpferde, die mit anderen in der sogenannten Krampnitzer Turnierschwadron eingeteilt sind, vor dem Zugriff des Krieges. Aus ihnen formt Bürkner von Oberbereiter Zeiner unterstützt, eine Vorführung, die als Deutsche Schulquadrille in die Geschichte der Reitkunst eingeht·
 
Von klassischer Musik begleitet, bleibt dieses Dokument deutscher Reitkultur
 
Generalmusikdirektor Furtwängler, selbst ein passionierter Reiter, nach der imposanten Schlusspassage der zwölf Pferde nebeneinander und den letzten Piassetritten zum im Sattel seines »Herder« salutierenden Oberst Bürkner: »Das war das schönste Erlebnis meines ganzen Lebens Ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen!«
 
In seiner militärischen Dienststellung als Beauftragter in Pferdeangelegenheiten erklärte der große Hippologe und wegweisende Organisator der Ländlichen Reitervereine, Oberlandstallmeister Dr. h. c. Gustav Rau die deutsche Schulquadrille für »einmalig«, was bei seiner kritischen Einstellung viel bedeutet-
 
Unmittelbar nach Ende des zweiten Krieges ist im Chaos der darauffolgenden Monate jede reiterliche Betätigung ausgelöscht. Wieder einmal, und noch schlimmer als im Jahr 1918, scheint die Kunst auf den Nullpunkt herabgesunken zu sein. Es gibt keinen Gnadenort mehr, der wie Hannover und später Krampnitz Autorität und Anregung ausstrahlt.
 
Dass aus den Trümmern totaler Niederlage die deutsche Reitkunst wie ein Phönix aus Schutt und Asche wiederersteht, ist zusammen mit dem Aufbauwillen deutscher Reitmeister dem Hauptverband für Zucht und Prüfung deutscher Pferde (HDP) — Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) — und der Deutschen Richtervereinigung (DRV) zu danken.
 
Es erübrigt nur ein Wort über die Deutsche Richtervereinigung und ihre Entstehung: Wieder ist es der geniale Gustav Rau (1880 — 1954), der schon nach dem ersten Kriege an der Wiege der das ganze damalige Deutschland umfassen den Ländlichen Reitervereins-Bewegung stand, der die Initiative ergreift. Er gründet 1950 die Deutsche Richtervereinigung, die ihm besonders am Herzen liegt und deren Aufschwung er als ihr Ehrenpräsident bis zu seinem Ableben in Wort und Schrift fördert. Ihr erster Vorsitzenden General Horst Niemack führt sie heute im Geiste eines gesunden Fortschrittes, der auf erprobter Überlieferung ruht.
 
In diesem Zusammenhang sind u. a. noch besonders erfolgreich tätig: Die Gesellschaft zur Förderung der Höheren Reitkunst in Karlsruhe (von Neindorff), die Reitakademie MünchenRiem (Vielseitigkeit), die Landgestüte und einige Privatställe wie um nur einige zu nennen, J. Neckermann, Schultheis/Springer, Dr. Klimke, Schwarz-Gelb und Lauvenburg
 
Das Thema über Dressurrichter abschließend, denen die verantwortungsvolle Aufgabe zufällt, auf dem Boden erprobter klassischer Kunst die Leistungen unserer heutigen Dressurreiter gerecht und objektiv zu beurteilen und nach Bedarf als Regulator und Hüter der Kunst die Weiterarbeit der Teilnehmer belehrend zu steuern, sei noch ein Ausspruch General Niemacks hervorgehoben: »Die Nur-Theoretiker, die von der Praxis wenig oder gar nichts wissen... werden in den seltensten Fällen brauchbare Richter werden«
 
Wir persönlich möchten diese goldenen Worte nur dahingehend ergänzen, dass wir während unserer immerhin mehr als ein halbes Jahrhundert umfassenden aktiven Turnierlaufbahn (inklusive Teilnahme an Grand Prix de Dressage de Olympiade) nur solche Richtersprüche dankbar angenommen und beherzigt haben die von Reiter-Richtern gefällt wurden, die, nebst den als selbstverständlich vorauszusehende Charaktereigenschaften, im Sattel persönlich ohne Mithilfe von Berufsstallmeistern ausgebildeter Pferde, mindestens den der betreffenden Prüfung entsprechenden Grad der Ausbildung erreicht haben.
Unter den heutzutage aktiv als Reiter und Lehrer Wirkenden gibt es nicht wenige große Könner, die am Bild der Reitkunst der Gegenwart weben. Wir nennen da nur Namen wie Schultheis, Neindorff, Neckermann, Klimke und Chammartin, wobei die Reihenfolge kein angemaßtes Werturteil bedeuten soll.
 
In den USA ist Wätjen der Vater der ausstrebenden Dressur geworden und Trainer und Reiter wie Némethy und Steinkraus haben dem Team der Springreiter binnen weniger Jahre eine internationale Spitzenposition errungen.
 
Der durch seine Vielseitigkeitssiege im In- und Ausland, vor allem in England, dem Mutterland des Querfeldeinreitens, rühmlichst bekannte O. Pohlmann wirkt heute an der Riemer Reitakademie.
 
Sie und Gesinnungsgenossen erhalten die Reinheit der überkommenen Lehre, indem sie durch ihr Beispiel im Sattel Vorbild sind und sich selbst ein Denkmal für die Mitwelt setzen.
 
In diesem Sinne gehören sie gottlob noch nicht der Geschichte an·
 
Oberst a. D. Waldemar Seunig